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Tages-Anzeiger / Basler Zeitung , 4. januar 2010

Psychisch Kranke fürchten um ihre Rente

Von Beat Bühlmann
Die 6. IV-Revision sieht weitere Sparübungen vor. Menschen mit psychischen Erkrankungen fühlen sich zunehmend in die Enge getrieben.


Bild Focus Online

Peter Indergand* kommt pünktlich, ist ordentlich gekleidet und so unauffällig wie alle anderen beim Kaffeetrinken im El Greco in Zürich. Doch beim Erzählen stockt er, ringt immer wieder um seine Fassung. Indergand, Mitte 50, war Oberstufenlehrer im Kanton Zürich und lebt seit neun Jahren von der IV-Rente. Er unterrichtet noch drei, vier Stunden an einer Privatschule, mehr liegt nicht drin. «Das würde mich überfordern», sagt er. Am liebsten würde er sich ganz ausklinken. Die Lust am Unterrichten sei ihm völlig abhandengekommen.

Automatisches Misstrauen

Indergand leidet an psychischer Erschöpfung, einer Depression. Jede zweite Woche geht er zum Therapeuten in Behandlung. Aber ist er wirklich krank? Und tatsächlich arbeitsunfähig? «Wenn ich mit einem Verband herumlaufen könnte, wäre mir die Anteilnahme sicher», sagt Indergand, «als psychisch Kranker schlägt mir vor allem Misstrauen entgegen.» So vermeidet er, darüber zu reden. «Ich bin es leid, mich dauernd rechtfertigen zu müssen.»

Mit der 6. IV-Revision sind nun auch die psychisch Kranken in den Fokus der Politik geraten. Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) will alle laufenden Renten überprüfen und klären, ob die Eingliederung möglich ist. Allein damit sollen der Rentenbestand innert sechs Jahren um 12 500 Fälle reduziert und pro Jahr 570 Millionen Franken eingespart werden. Insgesamt muss die IV eine Milliarde einsparen.

Als Schmarotzer verschrien

Auf dem Prüfstand stehen vor allem IV-Renten mit schwer definierbaren körperlichen und psychischen Erkrankungen. Das trifft jene, die unter diffusen Schmerzen (somatoforme Schmerzstörungen), Schleudertraumata, Borderline-Syndrom oder Neurosen leiden. «Wir möchten den Anteil der schwer definierbaren psychischen IV-Fälle von 40 auf 25 Prozent reduzieren», sagte BSV-Vizedirektor Alard du Bois-Reymond.

Auch SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi fordert eine schärfere Praxis gegenüber psychisch Kranken, konkret: gegenüber «psychogenen und milieu-reaktiven Störungen». Die Zahl dieser IV-Rentner sei zwischen 1993 und 2006 um 60'000 gestiegen. «Man muss künftig klar trennen zwischen psychischen Erkrankungen und kleineren Verstimmungen und Erschöpfungen, wie wir sie alle kennen.» Bortoluzzi räumt ein, dass die Grenze nicht einfach zu ziehen ist. «Doch wir müssen die Experten unter Druck setzen, damit sie diese Grenze strikter ziehen.» Es sei gesellschaftspolitisch falsch, so viele Personen mit psychischen Problemen auszusondern.

Bedrohlicher Druck

Wer psychisch erkrankt sei, werde heute schnell als potenzieller Scheininvalider betrachtet, ärgert sich Peter Indergand. «Das politische Klima verunsichert, denn ich fürchte um meine Rente.» Dieser Druck sei bedrohlich und schaffe zusätzliche Probleme. Auch die 43-jährige Daniela Keller, die seit zehn Jahren in ärztlicher Behandlung ist und eine Teilrente von 50 Prozent bezieht, sieht sich durch die politische Kampagne in Verruf gebracht. «Am Arbeitsplatz rede ich nie von meinen psychischen Problemen, ich möchte nicht als Simulantin und Schmarotzerin dastehen.» Daniela Keller leidet seit ihrer Jugendzeit an sozialer Phobie und Panikattacken. Sie würde ihr Arbeitspensum eigentlich gerne um 10 Prozent erhöhen und so «das IV-Korsett etwas lockern», wie sie sagt. Doch dann wären die Abstriche bei der IV-Rente grösser als die Lohnerhöhung.

Die Angstmacherei um die IV sei zuweilen kaum auszuhalten, sagt Hans Kiener, der seit acht Jahren eine IV-Rente bezieht. Bei der Diskussion um die IV-Zusatzfinanzierung habe er den Fernseher manchmal ausschalten müssen, weil alle nur noch von Missbrauch und Rentenkürzungen geredet hätten. «Manchmal leide ich schon selber unter einem Verfolgungswahn und glaube, IV-Detektive vor dem Haus entdeckt zu haben.»

Integration erschwert

Diese Ängste seien unter psychisch Kranken weit verbreitet, bestätigt Jürg Gassmann, Zentralsekretär von Pro Mente Sana. Die Ankündigung der Politik, bei der IV nun im psychischen Bereich zu sparen und Renten zu streichen, sorge für ein «Klima der Angst». Bei Pro Mente Sana seien in den letzten Wochen zahlreiche Anfragen von psychisch Kranken eingegangen, die wissen wollten, ob denn ihre Rente noch sicher sei. «So wird die Integration nur erschwert, denn viele kapseln sich ab und fühlen sich in die Enge getrieben.» In seiner Praxis erlebe er seine Patienten zunehmend verängstigt, sagt auch der Zürcher Psychoanalytiker Werner A. Disler. «Es verbreitet sich unter ihnen eine Art Panikstimmung.» Es sei absolut widersinnig, diese Ängste zu schüren und gleichzeitig die Eingliederung am Arbeitsplatz zu fordern.

«Der Druck auf psychisch Kranke ist völlig kontraproduktiv», bestätigt Niklas Baer, Leiter der Fachstelle für Rehabilitation der Psychiatrischen Dienste Baselland. Denn eine Rente vermittle Sicherheit. Wer sie infrage stelle, müsse den Betroffenen mindestens eine wirksame Eingliederung garantieren. Eingliederungsmassnahmen zeigten bis jetzt aber praktisch keine Wirkung. «Die Bilanz ist ernüchternd», sagt Baer. Nicht einmal für 15 Prozent der psychisch Kranken würden berufliche IV-Massnahmen in Erwägung gezogen.

Dabei könnte die Integration mit dem Supported Employment, wie es an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich praktiziert wird, durchaus erfolgreich sein. Laut Klinikleiter Wulf Rössler können dank Job-Coach und individueller Unterstützung im Betrieb jedes Jahr bis zu 100 psychisch Kranke im Arbeitsmarkt gehalten werden. Etwa die Hälfte von ihnen werde nachhaltig integriert. «Wenn wir mehr Betreuungskapazität hätten, könnten wir die Zahl deutlich erhöhen», sagt Rössler. Denn die Warteliste sei lang.

*Namen der IV-Rentner verändert

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