Freitag, 6. November 2009
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Tag der Behinderten 2009
Workshop für Menschen mit einer Behinderung

Spannende Reise durch die Schätze des Naturhistorischen Museums Basel

von Doris Hölling
„Einmal gegen den Strich fahren durch dieses weiche Fell. Aber hier Vorsicht:spitzig! Auch das sind Haare, aber ganz anders anzufühlen.“

Der Biologe Edi Stöckli vom Naturhistorischen Museum Basel nimmt uns heute im Workshop am Tag der Behinderten mit auf eine spannende Reise durch die Schätze des Museums. Dieser Anlass wird hier im Museum schon zum 7. Mal durchgeführt und gibt Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen Gelegenheit, das Museum auf eine spannende, ganz eigene Art zu erleben. Was sonst verboten ist oder gar nicht möglich wäre, ist heute ausdrücklich erlaubt und erwünscht: Tasten & Ausprobieren. Mitmachen sowieso! Denn es gibt viel Wissenswertes zu erfahren.


Bilder: D.K., Naturhist. Museum Basel
Aber zurück zum weichen Fell. Jeder Teilnehmende der kleinen Gruppe bekommt nach der herzlichen Begrüssung ein Tierfell vorgelegt. Jetzt heisst es fühlen – tasten – untersuchen. Vielleicht finden wir ja heraus, zu welchem Tier es gehört. "Einheimisch ist es nicht, eher exotisch", meint meine Tischnachbarin. Edi Stöckli verrät uns schliesslich, dass es sich um Felle vom Ozelot handelt. Eine Katze aus Südamerika mit nächtlicher Lebensweise. Das weiche, toll gefleckte Fell sollte ursprünglich offenbar als Kleidungsstück verarbeitet werden, denn bei den meisten der gezeigten Tierfellen handelt es sich um vom Zoll beschlagnahmte Tiere. Sie wurden ausschliesslich zur Benutzung im Museum freigegeben. Aber auf die Frage, wer von uns denn so einen Mantel tragen möchte, schütteln alle nur entsetzt den Kopf.

Als nächstes bekommen wir abwechselnd noch weitere Felle zum Studieren. Diesmal sind es heimische Tiere. Hier eines mit langen Borsten, unter denen sich kleine Kringellöckchen verstecken. Die wärmen im Winter bestimmt gut. Das fühlt sich aber nicht so weich an wie der Ozelot. Hier haben wir es mit einem Wildschwein zu tun. Auch Dachs, Reh und Hirsch gehen durch unsere Finger. Ganz schöne Unterschiede. Wir erfahren auch einiges über Felle, die jahreszeitlich nicht nur ihre Dichte ändern, sondern sich auch farblich anpassen. Ganz schön spannend!

Museum Basel offen für Behinderte
Preisverleihung im Naturhistorischen Museum Basel: Mittwoch, 11. Nov. 2009, 18 Uhr
Jetzt bekommt jeder von uns ein ca. 30 cm langes Haar in die Hand. Nicht ohne vorher darauf hingewiesen zu werden, dass es zwei ziemlich spitze Enden hat. Das soll ein Haar sein? Ich dachte, das ist ein Riesenstachel. Und tatsächlich, wir halten einen Stachel in der Hand. Er gehörte mal einem Stachelschwein aus Afrika. Er ist genauso hell-dunkel-geringelt wie der unseres heimischen Igels. Edi Stöckli erzählt uns, dass es sich bei Stacheln im Eigentlichen um stark veränderte Haare handelt. Wieder was dazugelernt! Bei den Überlegungen, was das Stachelschwein damit anfangen kann, helfen alle Teilnehmer tatkräftig mit.

Als nächstes stellt uns unser Kursleiter ganz merkwürdig aussehende Tierpräparate auf den Tisch und eine Kugel. Wir untersuchen die Objekte genau und stellen fest, dass die Tiere Platten besitzen wie ein Panzer aber auch Fell. Hey, das ist ja ein südamerikanisches Gürteltier. Wir erfahren, dass der Panzer aus Horn besteht und dass das Tier sich bei Gefahr damit zu einer Kugel zusammenruggeln kann. Aha, das ist also die Kugel, die meine Tischnachbarn gerade genau von allen Seiten untersuchen. "Die Natur hat sich schon tolle Sachen einfallen lassen", denke ich so, da geht es auch schon weiter mit dem nächsten Objekt. Es ist auch aus Horn. Es ist aber nur Teil eines Tieres. Bloss welches? "Sieht aus wie ein Papageienschnabel", meint ein junger Mann im Rollstuhl. Edi Stöckli hilft uns ein wenig bei der Suche und wedelt auffallend mit seinen Händen. "So etwas haben wir auch", verrät er lächelnd. "Dann können es nur Krallen sein", tönt es vom anderen Tischende. Ja, das sind Krallen. Sie sind auch aus Horn wie der Panzer unseres Gürteltiers. Gleiches Material, aber andere Verwendung. Aber zu welchem Tier gehören sie? Ihre Grösse ist schon beträchtlich. Verglichen mit denen des Gürteltieres muss unser gesuchtes Tier wohl um einiges grösser sein. Wir rätseln: Wolf, Katze, Tiger, Bär? "Bär ist richtig", verrät uns Edi Stöckli. "Aber welcher?" "Ein Braunbär sei noch zu klein", hilft er uns weiter. "Ausserdem kommt er in der Schweiz nicht in der Natur vor – höchstens im Zolli." "Dann kann es nur ein Eisbär sein", entfährt es mir. Und tatsächlich, es sind Krallen eines ehemaligen Eisbärpräparates.

So ganz nebenbei erfahren wir nämlich auch eine ganze Menge über die Herkunft der Objekte, ihre Präparation, ihren Einsatz im Museum und ihre "Lebensdauer". Neben vom Zoll beschlagnahmten Objekten, die in der Museumspädagogik zum Einsatz kommen, gibt es speziell für die Ausstellung angefertigte Tiere.- sie werden besonders lebensecht dargestellt - oder speziell für die Wissenschaft präparierte. Viele Tiere werden heute dabei nicht mehr wie früher während Expeditionen gejagt und getötet, sondern die Präparate stammen z.B. auch von gestorbenen Zootieren.

Bei den als nächsten ausgeteilten Gehörnen und Geweihen handelt es sich um Jagdtrophäen von Jägern, die nach deren Vorlieben präpariert sind: nämlich auf Holzscheiben montiert. Das würde ein Museum so nicht machen. Aber auch solche Geschenke finden in Workshops wie unserem Verwendung.
Wir erfahren, dass auch Gämsen und afrikanische Antilopen Hörner wie unsere Kühe tragen. Sie sehen nur etwas anders aus: viel länger oder gedreht. Man kann gut die quergerillten Hornumgänge befühlen. Zum Ende hin werden sie glatter. Herr Stöckli erklärt uns, dass sie unten auf Knochenzapfen sitzen und dann hohl sind. Die afrikanischen Exemplare haben schon eine beachtliche Länge. Man muss richtig aufpassen, den Tischnachbarn nicht aufzuspiessen. Ein Oryx-Antilopenkopf trägt Hörner von oft weit mehr als 1 m Länge. Na ja, sie wachsen ja auch ein Leben lang.
Die nächsten Objekte sind eher längsgerillt. Es handelt sich um Geweihe vom Rehbock. Hier erfahren wir, dass sie nicht aus Horn sind, sondern aus Knochensubstanz gebildet werden. Sie nennt man Geweihe. Die Tiere, die Geweihe tragen wie unser einheimischer Hirsch, werfen ihre "knöchernen Anhänge" jedes Jahr ab und müssen sie wieder neu bilden. Ganz schön aufwendig! Muss doch beim nächsten Waldspaziergang im Oktober mal genau darauf achten, ob ich nicht vielleicht ein abgeworfenes Stück finde.

Und schon sind wir bei unserem Streifzug durch die Museumsschätze beim nächsten Objekt gelandet: einem Schneckenhaus. Das kennt jeder – sei es aus dem Garten oder vom Teller. Es ist das Haus einer Weinbergschnecke. Wir erfahren, woraus es besteht: aus Kalk. Und können die Rillen sehen und auch fühlen, wie der "Auf- und Anbau" vonstatten geht. Aber Schnecken gibt's nicht nur an Land. Nein auch im Wasser hat's welche. Wir dürfen ein aufgeschnittenes grosses Haus einer Meeresschnecke genau untersuchen mit seinem durchgehenden Kanal. In dem hat die Schnecke mal gewohnt.
Damit wir auch wirklich glauben, dass der Kanal von einer Seite zur anderen durchgeht, holt Edi Stöckli ein Schneckenhaus hervor, dem er zuvor die Spitze abgesägt hat. Jetzt demonstriert er uns, dass man solche leeren Häuser auch als Signalhorn benutzen kann, wie viele Fischer in der Heimat der Tiere es tun. Na ja, die musikalische Qualität lässt vielleicht noch etwas zu wünschen übrig. Wir müssen lachen. Aber das Experiment war eindeutig!
Wir beschäftigen uns noch eine Weile mit verschieden grossen und kleinen Meeresschnecken und überlegen, ob sie eher in felsiger Umgebung, am Riff oder auf Sandboden anzutreffen sind. Ihre Form verrät es uns. Teilweise sind sie so gross wie ein Hut und ganz schön schwer. Aber unter Wasser spielt das Gewicht ja nicht so eine grosse Rolle. Darauf weist uns unser Kursleiter hin. Hätten wir beim Schwimmen ja bestimmt auch schon selbst gespürt.
Und was kann man noch am Strand finden? "Muscheln" kommt es aus aller Munde. Genau. Und die nehmen wir jetzt genau unter die Lupe. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Schnecken und Muscheln überlegen wir gemeinsam. Die Schnecke hat ein Haus. Muscheln bestehen immer aus zwei Hälften. "Genau", lobt uns Edi Stöckli. Den beiden Blindenhunden, die unter dem Tisch dösen, ist unser Einsatz allerdings völlig egal.
Jetzt gibt es Muscheln in allen Farben und Grössen zu bestaunen. Nachdem wir gemeinsam die Frage diskutiert haben wie und was die Tiere fressen, erklärt uns Edi Stöckli auch, was die Tiere mit kleinen Steinchen oder anderen Fremdkörpern machen, die zwischen die Schalen gelangen: sie umschliessen sie mit Kalk. Aha, dass sind dann also die edlen Perlen, die die modisch gekleidete Dame im Rollstuhl dort trägt. Wir bekommen eine Auswahl gezeigt. Die sind allerdings nicht so gross und gleichmässig wie die teuren Schmuckperlen. Und was gibt es noch aus diesem Kalk, der auch Perlmutt genannt wird? "Haarspangen" kommt es von meinem Nachbarn rechts. "Löffel und Knöpfe" ergänzt seine Begleitung. Auch hierzu dürfen wir uns wieder Beispiele genau anschauen.

"Ja", meint Edi Stöckli, "unsere Zeit ist nun schon fast um. Angefangen haben wir mit etwas ganz weichem – dem Fell, dann ging's weiter über Stachel und Hornpanzer zu Krallen und zum Schluss sind wir bei ganz harten Schalen von Schnecken und Muscheln gelandet." Aber wir merken schnell, alles hat etwas mit Schutz nach Aussen oder Verteidigung zu tun. Das Material ist verschieden, die Wirkung kann aber gleich sein! Ausnahme: Geweihe und Hörner. Die sind doch eher etwas zum Angeben.

Das war mal wieder ein spannender Ausflug ins Museum, meinen die, die diesen Anlass schon öfter besucht haben. Die "Neulinge" sind sich einig: "Wir sind beim nächsten Mal sicher wieder dabei! Ein herzliches Dankeschön an Edi Stöckli!"
Eine Kollegin von ihm steht schon bereit und begleitet einen blinden Herrn zur Tramhaltestelle. Wir anderen werden zurück in die Eingangshalle des Museums begleitet und haben noch die Möglichkeit, im Shop zu stöbern oder auf eigene Faust das Museum zu erkunden. Toll, dass jetzt auch das erste Zwischengeschoss per Treppenlift für Rollstuhlfahrer erreichbar ist!

Ein ganz herzliches Dankeschön an Edi Stöckli für den tollen Workshop!
Eine begeisterte Teilnehmerin
Aufgeschrieben von Doris Hölling

Weiter Infos zu Veranstaltungen des Naturhistorischen Museums Basel für Menschen mit einer Behinderung finden Sie auf der barrierefreien Homepage des Museums: http://www.nmb.bs.ch/veranstaltungen/behinderte.htm oder direkt bei:
Edi Stöckli, Ansprechpartner für Menschen mit einer Behinderung
Tel +41 61 266 55 37
Fax +41 61 266 55 46
E-Mail eduard.stoeckli@bs.ch

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