Freitag, 6. November 2009
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«Übergriffe sind vorprogrammiert»

Die gutgemeinte Kampagne der IV kommt den Betroffenen in den falschen Hals. In zahlreichen Kommentaren in Internetforen und auf 20 Minuten Online haben Menschen mit Behinderung ihrem Ärger Luft gemacht. Der IV-Chef würde jedoch wieder so eine Kampagne machen


Bild: Bundesamt für Sozialversicherungen
Die IV hat mit ihrer Teaser-Kampagne einen Tabubruch gewagt. Seit Montag hängen in der ganzen Schweiz Plakate mit behindertenfeindlichen Sprüchen (20 Minuten Online berichtete). Bei 20 Minuten Online haben sich zahlreiche Leser gemeldet, die selbst von einer Behinderung betroffen sind. Auch das Forum myHandicap für Menschen mit Behinderung läuft heiss.

«Ich bin selber behindert und diese Plakate haben mich zutiefst verletzt», schreibt Melanie F. an 20 Minuten Online. Damit steht sie nicht allein da. P.G. ist gehörlos und berufstätig. Die Sprüche auf den Plakaten trafen sie wie ein Faustschlag: «Eine Beleidigung für die echten Behinderten! (...) ich selber beziehe keine IV-Rente. Ich bekomme nur Geld von der IV, wenn ich wichtige Hilfsmittel brauche.»

«Schockierend und der Schweiz unwürdig»

Vreni K. ist chronisch krank und dadurch invalid. Sie sieht Parallelen zur Vergangenheit: «Selbst wenn eine Auflösung folgen sollte - diese Aussagen erinnern an die früheren Plakate gegen Scheininvalide», schreibt sie an 20 Minuten Online. Aber auch Menschen ohne Behinderung drücken ihre Bestürzung aus: «Diese Plakate sind schockierend und der Schweiz unwürdig», kommentiert 20 Minuten-Online-User Philip L. die Kampagne der IV. Eine andere Leserin findet sogar: «Wenn man so etwas liest, will man sich als Schweizerin nur noch unterirdisch mit einem Sack über dem Kopf bewegen.»

Auch auf MyHandicap, einem der grössten Internetforen für Menschen mit Behinderung, wird die Kampagne rege diskutiert. Auffallend ist vor allem, dass viele User, die selbst mit einer Behinderung leben, von Feindseligkeiten gegenüber ihrer Behinderung berichten. Einige fürchten nun die negativen Auswirkungen der Kampagne: «Im Kopf von einigen Menschen wird doch nur die erste Aussage haften bleiben, egal wie die Auflösung der Kampagne aussieht - Übergriffe sind vorprogrammiert», befürchtet ein User. Pauli88 gibt ihm recht: «Was mir Sorgen macht, ist, dass es Leute geben wird, die, noch lange nachdem die Plakate verschwunden sind, ihre schlechte Laune an Behinderten auslassen.» Die Plakataktion der IV werde am Status quo nicht viel verändern, findet hingegen Sendrine: «Ich habe in den letzten Jahren vermehrt Behindertenfeindlichkeit erlebt. Und das ohne Plakataktion.»

Aufruf zum Widerstand

Egal aus welchen Gründen solche Sprüche in die Öffentlichkeit getragen würden, die Menschen könnten ohnehin nicht richtig zuhören, findet KarinM: «Sie merken sich nur das, was sie sich merken wollen.» Einige lassen sich die Diffamierungen nicht länger gefallen und rufen zum Widerstand auf: «Zusammen können wir was erreichen! Mailt an Bundesrat Burkhalter!» Andere wollen eine Klage gegen die IV einreichen. «Wer mitmachen will, soll sich in ein paar Tagen anschliessen. Details folgen!», schreibt P. Müller im Talkback zum Artikel auf 20 Minuten Online.

(kbr)


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